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Die Abruzzen – spannende Nische
zwischen Meer und Bergen

von Phillip Winter

Rubrik: ,

Weinbau in der Hügellandschaft der Abruzzen

Die SS 16 ist eine der längsten Staatsstraßen Italiens. Die „Strada Statale“ verbindet Padua im hohen Norden mit dem 1000km entfernten Otranto, das tief unten in der Stiefelspitze liegend das südliche Ende der italienische Ostküste markiert. Ihr Weg entlang der Adria-Küste führt sie dabei durch einige der beliebtesten Urlaubs- und Weinregionen Italiens: Dabei sind Venetien, die Emilia-Romagna mit ihren unzähligen Badeorten und kulinarischen Spezialitäten sowie Spitzenweine aus Apulien den meisten deutschen Italienliebhabern ein Begriff. Von vielen Touristen unbemerkt, erfreut sich dagegen vor allem bei Italienern eine Küstenregion besonderer Beliebtheit: die Abruzzen. Ziemlich genau auf halber Strecke von Nord nach Süd und östlich von Rom gelegen, wird die eher bevölkerungsarme Region vor allem durch den mächtigen Abruzzischen Appennin beherrscht, der zwei Drittel der Fläche für sich beansprucht; Teile des Appennin wie das Gebirgsmassiv Gran Sasso d’Italia erheben sich dabei auf fast 3000m.

 Unerwartete Vielfalt

In den Tälern und entlang des Küstenstreifens jedoch bietet die Region echtes italienisches Lebensgefühl ohne massentouristische Auswüchse. Nicht nur saubere Strände und beste Wasserqualität entlang der 130km langen Küste, sondern auch die große kulturelle Vielfalt der Städte wissen italienische Urlauber zu schätzen. Nicht umsonst wurde die (2009 von einem schweren Erdbeben heimgesuchte) Haupstadt der Region, L’Aquila, vom amerikanischen Pianisten Arthur Rubinstein derzeit als „Salzburg der Abruzzen“ bezeichnet. Überhaupt ist Vielfalt das prägendste Merkmal der Region;

Kulinarische haben die Abruzzen einiges zu bieten

das gilt neben dem spannenden landschaftlichen Kontrast zwischen Meer und Hochgebirge auch für die kulinarischen Errungenschaften der Abruzzen. So ist die Küche nicht nur für frischen Fisch, sondern auch für ihre Pasta bekannt – die nirgendwo in Italien besser sein soll als hier. Unterschiedlichste, würzige Soßen, aromatisches Olivenöl, frisches Gemüse und abwechslungsreiche Fleischgerichte wie beispielsweise die „Arrosticini“ genannten Lammspießchen runden das Menü ab. Apropos Lamm: Die Viehzucht (v.a. Schafe und Geflügel) nimmt eine tragende Rolle für die Wirtschaft der Region ein. So kommen nicht nur Schaaf-, Lamm- und Hammelfleisch auf den Teller, sondern auch Pecorino, ein etwas härterer und besonders aromatischer Schafskäse.

Wein aus den Abruzzen: Entdeckungspotenzial für Italienfans

Richtig spannend sind die Abruzzen darüber hinaus für Weinliebhaber. Was für Landschaft, Kultur, und Küche der Abruzzen gilt, zeichnet sich zunehmend auch beim Weinbau ab: eine erstaunliche Vielfalt und Qualität. Die Weine der Abruzzen sind unverwechselbar und gleichzeitig noch(!) verhältnismäßig preiswert. Der Weinbau hat hier eine lange Tradition, die bis ins 7. v. Chr. Jahrhundert zurückreichen soll und von italienischen Dichtern und Denkern immer wieder lobend erwähnt wurde. Die Rebflächen erstrecken sich entlang der warmen und trockenen Adriaküste sowie weiter im Landesinneren über die klimatisch kühleren Hügellandschaften am Fuße der Apenninen bis auf Höhenlagen von 600 Metern. Temperaturwechsel sind hier an der Tagesordnung, die Unterschiede zwischen Tag und Nacht sowie zwischen Sommer und Winter bisweilen sehr groß. Grundsätzlich ist das Klima jedoch in Anbetracht der südlichen Lage eher mild. Diese Bedingungen bieten perfekte Voraussetzungen für eine optimale Reife der Weintrauben und verhindern Fäule. Zur klimatischen Variation gesellt sich außerdem eine große Variation der Böden: Kalkhaltige Böden wechseln sich ab mit sandigem Untergrund, mal ist das Terroir geprägt von Sand, mal von Kies.

Montepulciano, Trebbiano & Co: Quantität statt Qualität?

Produziert werden auf ca. 35.000 Hektar (nicht allzu schwere, dafür oft mit einer schönen Säure ausgestattete) Rot-, Rosé und Weißweine. Bei den roten Rebsorten dominiert der Montepulciano (meist weich, mit schöner Frucht und wenig Bitterstoffen). Angebaut werden zudem Sangiovese, Ciliegiolo, Barbera, Merlot, Cabernet und Pinot Nero. Zunehmender Beliebtheit erfreut sich jedoch auch Cerasuolo, ein aus Montepulciano-Trauben gekelterter Rosé. Die mit Abstand meistangebaute weiße Rebsorte in den Abruzzen ist Trebbiano: sie ist Grundlage meist leichter, trockener, nicht allzu komplizierter Weißweine.

Der abruzzische Durchschnittsertrag pro Hektar ist einer der höchsten Italiens, die Region produziert trotz wesentlich kleinerer Rebfläche fast die gleiche Menge Wein wie das Piemont. Diese „Produktivität“, basierend auf relativ geringer Reglementierung (Ertragsgrenzen), geht bis heute leider zu Lasten der Durchschnittsqualität abruzzischer Weine. Zwar gibt es vier DOC-Gebiete: „Controguerra“ (seit 1996, Rot- und Weißweine), „Montepulciano d’Abruzzo“ und „Trebbiano d’Adie bruzzo“ (gleichnamige Rebsorten) sowie „Montepulciano d’Abruzzo Colline Teramane“ (DOCG; Rotwein und Rosé); Dennoch setzen nicht wenige Winzer und v.a. Genossenschaften den Fokus bis heute eher auf Quantität denn auf Qualität: So wurde und wird ein nicht geringer Teil der Weine als (bestenfalls) unkomplizierter Tafelwein gekeltert. Dementsprechend klein war lange Zeit der Anteil an Wein, der in die anderen Regionen Italiens oder ins Ausland verkauft wurde; Was nicht als Billigwein in den Supermärkten landete (Montepulciano!), trank man selbst.

Ein Trend zu Qualität und autochthonen Rebsorten: Pecorino & Co.

die Montepulciano-Traube

Seit einiger Zeit gibt es allerdings einen Gegentrend. Immer mehr Winzer setzen vermehrt auf Qualität und produzieren spannende Weine, die zunehmend auch national und international Begehrlichkeiten wecken. Dabei setzen sie v.a. bei den Weißweinen auf alte autochthone Rebsorten wie Cococciola, Montonico Bianco, Passerina oder Pecorino. Letztere wurde in den 90ern wiederentdeckt und nachgezüchtet, nachdem sie, offenbar aufgrund schwankender Erträge, für lange Zeit aus den Weinbergen verschwunden war. Aus Pecorino werden heute einige der ungewöhnlichsten Weine der Abruzzen gekeltert. Sie zeichnen sich durch eine faszinierende Komplexität aus: eine intensive strohgelbe Farbe, feine grüne (Kräuter, Apfel) und gelbe (Zitronengras) Aromen sowie mineralische Noten. Zudem sind sie meist säurebetont und frisch.

Aber auch bei den Rotweinen hat sich einiges getan: Spitzenweingüter produzieren mittlerweile unglaublich finessenreiche Weine aus Montepulciano-Trauben; vollmundige und fruchtbetonte Weine mit feiner, konzentrierter Textur und einer Fülle (dunkel-)roter Aromen (rote Beeren, Kirschen, Pflaumen), Vanille-und Röstnoten sowie reifen Gerbstoffen. Manche der Weine gehen sogar in eine fleischige, marmeladige Richtung.

Angelucci Montepulciano

Angelucci Montepulciano d`Abruzzo DOC trocken 2010 

Violette Reflexe und Aromen von Brombeern und Gewürzen mit samtiger Struktur.

Angelucci Collefiori Moscatello

Angelucci Collefiori Moscatello Passito Colline Pescaraesi IGT 2011 

Kräftige Farbe und eine reichhalige Sensation von reifen gelben Früchten.

Angelucci Leonate Pecorino

Cantina Angelucci Leonate Pecorino d’Abruzzo IGP trocken 2013 

Eine aktuelle Trendrebsorte mit Länge, enormer Saftigkeit sowie dem Duft von Kräutern.

Cantina Angelucci

Ein Beispiel für die „Qualitätsoffensive“ aus den Abruzzen ist die Familie Angelucci. Das erst im Jahr 2000 gegründete Weingut kultiviert auf seinen insgesamt 30 Hektar nicht nur Montepulciano und Pecorino, sondern war auch entscheidend an der Wiederentdeckung einer anderen lange verschollenen weißen Rebsorte beteiligt: der “Moscatello di Castiglione“. Nach jahrelanger Forschungsarbeit auf dem Weingut der Familie ist die Sorte mittlerweile wieder offiziell anerkannt und Basis eines kräftigen, blumigen und mit allerlei fruchtigen Aromen von Apfel über Pfirsich bis hinzu Zitrusfrüchten versehenen Dessertweines.

Familie Angelucci bei der Ernte

Fotos (v.o.n.u.): pavel068 / Fotolia, pieropoma / Fotolia, wjarek / Fotalia, Familie Angelucci.

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