Das Weinwort zum Sonntag: “Parfümierter Wein und andere Unsitten einer Degustation”

von Torsten Proschwitz

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verhalten fehler auf einer weinverkostung

Bin ich das oder der Wein? Über unfachliches (Un-)Verhalten bei einer fachlichen Degustation.

ProWein, Weinbörse, Vorpremiere der Großen Gewächse, Weinshow, Ortsweinpreview und viele, viele mehr, das sind die Veranstaltungen an denen sie sich tummeln, die großen Weinkenner, Experten, Weinjournalisten, Sommeliers, Weinblogger, Händler und weitere, die sich Weinfachfrau oder -mann schimpfen. Man ist gekommen um Wein zu probieren und zu beurteilen. Dahinter stehen teils unterschiedliche Motive. Natürlich werden auch Kontakte geknüpft. Kontakte zu Weingütern, aber auch mit Gleichgesinnten oder Querdenkern tauscht man sich Weintipps aus und verrät sich, welcher Wein gefallen gefunden hat und welcher nicht. Der Wein steht im Mittelpunkt. Dachte ich zumindest. Bis ich irgendwann feststellen musste, dass sich einige Weinfachfrauen und Weinfachmänner dringend einer “Degustations-Knigge” unterziehen sollten.

Don’ts bei einer fachlichen Weinprobe

Stellen Sie sich die Weinmesse Ihrer Wahl vor. Es ist kurz nach Mittag. Ich stehe am Tisch eines renommierten VDP-Weinguts und probiere die neuen Jahrgänge. Ich erhalte einen Probierschluck eines Rieslings. Ich hebe das Glas, betrachte mir die Farbe, führe den Wein zur Nase, um mit dem Schnüffeln zu beginnen. Ich nehme feinen Pfirsichnoten wahr. Etwas gelben Apfel und Steinobst. Darunter verbergen sich leicht mineralische Anklänge, die mich an nasse Steine erinnern. Mein Trigeminusnerv beginnt in freudige Erregung zu geraten. Dieser Riesling hat noch mehr zu bieten, denke ich mir und rieche noch einmal gedankenversunken hinein. Ohh, da ist auch viel Quitte drin! Wie konnte ich das “übersehen”. Ein süßlicher Geruch strömt in meine Nase. Die Riechknospen nehmen Rosen wahr, süße Zuckerwatte und Fruchtgummis! Rose? Zuckerwatte? Fruchtgummis? Bin ich im Süßwarengeschäft?? Was ist mit diesem Wein passiert!? Ich erwache aus meiner Degustationstrance und drehe leicht den Kopf. Eine “Weinfachfrau” hat sich dem Stand genähert und hat ihr ganz eigenes Potpourri an Weinaromen mitgebracht, dass sie ohne Unterlass versprüht. Eine wirklich grandiose Idee in Parfüm zu baden, bevor man auch eine fachliche Weinverkostung geht. Wieso nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen? So kann gleich der halbe Saal auch eine Degustationsnotiz ihres “Eau de Puff” verfassen! Wen interessiert schon der Wein? Wir sind doch alle nur hier, um Aufmerksamkeit zu erhalten und wer am lautesten Riecht, der gewinnt auch! – Angewiedert drehe ich mich weg und verlasse den Stand in Richtung entgegengesetzter Saalhälfte, auf der Flucht vor Miss Stinky.

“Liebe Damen, liebe Herren, niemand hat etwas gegen gut riechende Zeitgenossen. Auf einer fachlichen Weinprobe jedoch (um nicht zu sagen auf jeder Weinprobe), ist Parfüm jedoch ein absolutes No-Go. Ein dezentes Deo tut es in diesem Falle allemal.”

Entlaufene Männer auf der Suche nach dem Weibchen

Es soll hier sicher nicht der Eindruck entstehen, nur die Frauen würden sich unbedacht auf einer Weinverkostung verhalten. Auch für die Weinfachmänner gilt es gewisse Verhaltenskodizes einzuhalten. Vielen verschiedene Weine und Händlergespräche später nehme ich eins, zwei Stände weiter den Typ Degustationsbesucher wahr, der schlicht und einfach allen Beteiligten die Geduld kostet. Männlich, jenseits der 50 (teilweise tritt dieses Phänomen auch schon bei der U50 Fraktion auf!), hochroter Kopf, forsch und eine Plauze vor sich herschiebend, als hätte er sich für die nächsten 5 nahrungsfreien Winterperioden gerüstet. Statt sich in die vinophile Auseinandersetzung mit den dargebotenen Weinen zu begeben, werden einer jungen Dame, die sich gerade darum kümmert alle durstigen Mäuler zu tränken, deutliche Avancen gemacht. Avancen ist in diesem Zusammenhang sicherlich das falsche Wort. Unverschämte Belästigung mit sexuellen Andeutungen trifft es eindeutig besser. Hey alter Mann mit unpassenden Reiterstiefeln: “Sie könnte deine Tochter sein!” denke ich mir und versuche die Weindegustation unbeirrt fortzusetzen. Leider ist das nicht möglich, da am nächsten Stand wieder ein alter Herr ohne Anstand mit literweise Wein in den Gehirngängen, schwankend und ohne jede Contenance die Fahrbahn blockiert und lieber seine Lebensgeschichte zum Besten gibt, als die letzte Stunde der Weinmesse sinnvoll zu nutzen. “Könnden Sie sisch mal ausziehään?” lallt es zum Abschluss des Gesprächs einer jungen Frau entgegen. Erneut angewidert von so viel Elend, wende ich mich ab. Da meldet sich meine Faust. Sie möchte nichts sehnlicher als den Kontakt zum Gesicht meines Nachbarn suchen, um sich tief aber kurz darin zu vergraben. Ich schlage nicht zu, denke mir stattdessen:

“Man sollte immer ein gewisses Understatement wahren”

Ein Satz mit zeitloser Allgemeingültigkeit, wie ich finde.


Foto: Vonschonertagen / photodune.net

Über Torsten Proschwitz

Während seiner Ausbildung zum Restaurantfachmann und als Weinkellner entdeckte Torsten seine Leidenschaft zum Wein. Anschließend führte ihn die Weinleidenschaft nach Geisenheim, wo er an der rennomierten Hochschule für ...

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